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Wo und wie in und um München genügend Wohnraum entstehen kann

Wo ist noch Platz für die wachsende Bevölkerung?

Herr Obermeier, als IHK-Chefvolkswirt wissen Sie, was die Münchner Wirtschaft braucht. Müssen wir so viel Wohnraum wie möglich schaffen?

 

Dr. Robert Obermeier  Dahinter stecken grundlegende Fragen: Soll München weiter wachsen? Wollen wir weiter Wohlstand haben? Im Großraum München fehlen schon jetzt 100 000 Fachkräfte. Wenn man das umrechnet, entgehen den Firmen in und um München dadurch etwa sieben Milliarden Euro an Wertschöpfung. Laut unserer jüngsten Prognose werden uns bis 2030 rund 200 000 Fachkräfte fehlen, vor allem im mittleren Segment. Sie alle brauchen bezahlbaren Wohnraum. Damit verbunden ist natürlich die Annahme, dass der Zuzug weiter läuft und die Menschen alle noch Platz finden.

 

Wird das Wachstum weitergehen, Herr Reiter?

 

Dieter Reiter  Meiner Erfahrung nach kann der Souverän dieser Stadt, also die Bürger, nur schwer mit der Vision umgehen, dass München weiter mehr und mehr wächst. Wachstum ist auch kein Selbstzweck. Viele Bürger verspüren im Alltag eher die Schattenseiten des Wachstums wie teure Mieten oder viel Verkehr. Ich würde es nicht auf einen Bürgerentscheid zur Frage ankommen lassen, ob zur Beendigung des Wachstums keinerlei Baurecht vergeben und keine Gewerbeimmobilien mehr ausgewiesen werden sollten. Das würde aber ganz andere Probleme aufwerfen.

 

Andreas Eisele  Ohne Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung wird es zunehmend schwierig, Wachstum zu generieren. Das ist die grundsätzliche Voraussetzung für eine gesamtheitliche wirtschaftliche Entwicklung. Deshalb ist eine nachhaltige Informations- und Diskussionskultur zu Themen wie Hochhausbau, alternative Wohnkonzepte und Mobilität notwendig.

 

Wo sehen Sie Potenzial für neuen Wohnraum, Herr Aigner?

 

Thomas Aigner  Ich bin ein großer Anhänger der Metropolregion München. Über sie müssen wir sprechen, wenn wir uns über die Entwicklung von Wohnraum unterhalten, nicht über das Stadtgebiet. Das sehen wir in anderen Ländern schon länger. Wir können nicht für alle Wohnraum in Schwabing schaffen. Wohnen für alle gibt es nur in der Metropolregion. Und es müssen auch Arbeitsplätze im Umland entstehen, um den Verkehr zu entlasten. 

 

Prof. Dr. Stephan Kippes  Ja, wir müssen das Umland stärker ins Boot nehmen. Dazu gehört für mich auch, den Nahverkehr auszubauen. Da passiert noch viel zu wenig, und es dauert jeweils ewig lange.

 

Christian Winkler  Die Zukunft der Stadt wird im Umland entschieden. Im Münchner Norden und Osten etwa ist noch viel Potenzial. Die Initiative von Herrn Reiter zur Einbindung der Umlandgemeinden ist der richtige Weg.

 

Wie kooperieren Sie mit dem Umland, Herr Reiter?

 

Dieter Reiter Ich habe vor vier Jahren die regionale Wohnungsbaukonferenz ins Leben gerufen, bei der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zusammenkommen. Dort geht es insbesondere darum, Akzeptanz dafür zu erzeugen, wie wichtig es ist, nicht nur in München Wohnraum zu schaffen. Das ist mühsam, weil viele Bürgermeister es nicht leicht haben, Themen wie Wachstum und Geschosswohnungsbau ihren Bürgern zu vermitteln. Deswegen kooperieren wir immer mehr – planen beispielsweise gemeinsame Schul- und Sozialinfrastrukturprojekte. München finanziert sogar Infrastruktur.

 

Andreas Eisele  Die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land ist aus Sicht des BFW ganz wesentlich. Mit der Frage nach dem Wo ist untrennbar die Infrastruktur verbunden, erst sie schafft die Möglichkeiten, den Wohnraum entsprechend zu nutzen. Ich finde es sehr wichtig, dass diejenigen, die hier Ausbildungen machen, arbeiten, schlicht ihr Leben hier gestalten wollen, nach München kommen können. Das muss auch möglich sein, wenn sie begrenzte Mittel haben.

 

Thomas Aigner  Meines Erachtens hat es die Politik versäumt, die Eigentümerquote zu erhöhen, also mehr Menschen zum Immobilienkauf zu verhelfen. Vor 30 Jahren wäre das in München noch leichter gegangen, jetzt müssen wir es zumindest in der Metropolregion möglich machen. Im Grunde bräuchten wir dafür eine Reform des kommunalen Planungsrechtes, eine Art Oberste Baubehörde für die Metropolregion, die mutige Entscheidungen trifft und Wohnraum schafft.

 

»Ich glaube nicht, dass wir in dieser Stadt nennenswert Wohnraum in Häusern über 100 Metern schaffen werden«

Dieter Reiter

Herr Bigelmaier, Ihr Unternehmen ist international aufgestellt. Wohnen Ihre Mitarbeiter in der Stadt oder ziehen die auch ins Umland?

 

Peter Bigelmaier  Viele unserer Mitarbeiter wohnen in Augsburg oder im Münchner Umland. Aufgrund der tollen Zugverbindung funktioniert die Anreise nach München sehr gut. Auch ich bin ein Verfechter der Metropolregion. Die Kommunikation mit den Landkreisen, die ja früher nicht stattgefunden hat und jetzt erfreulicherweise läuft, muss weiter ausgebaut werden.

 

Herr Stratz, mit Isaria bebauen Sie in Allach ein sehr großes Gebiet mit rund 750 Wohnungen. Wird es
in Zukunft noch ähnliche Areale in München geben?

 

Henrik Stratz  Wir hatten 2011 das große Glück, eine Industriebrache in Allach erwerben zu können. Wir haben aber bis Ende letzten Jahres gebraucht, um dort Baurecht zu erhalten und einen Bauantrag einreichen zu dürfen. Das heißt: Bis der erste Stein gebaut wird, vergehen acht Jahre. Das ist viel zu lang, das müssen wir irgendwie in den Griff kriegen. Es gibt weitere Areale, die infrage kämen, aber überall treffen wir auf Widerstände, sei es Infrastruktur oder Parkplätze. Ich würde mir wünschen, dass wir mit der Stadt gemeinsam Konzepte entwickeln, um schneller zu mehr Wohnraum zu kommen.

 

Dieter Reiter  Dazu muss man sagen, dass das Diamalt-Gelände, das Sie erworben haben, ein besonderer Fall ist. Wegen der vorherigen industriellen Nutzung müssen viele Dinge vorab geprüft werden. Das geht nicht so schnell, wie wenn Sie auf einem bislang unbebauten Grundstück planen, und das wissen Sie auch.

Beatrix Zurek, Dr. Peter Ströhlein

Wo und wie können jenseits der letzten freien Areale noch Wohnungen entstehen?

 

Prof. Dr. Stephan Kippes  Nachverdichtung ist eine wichtige Option. Aber bitte nicht missverstehen: Ich bin für sozialverträgliche Nachverdichtung, also gemäßigt und nicht immer nur gesichtslose Punktbauten, die auf kleinster Grundfläche in beachtliche Höhen gehen. Insgesamt sollten wir uns von der Vorstellung frei machen, wir könnten das Problem mit Einzelmaßnahmen lösen. Wir brauchen einen Mix verschiedenster Maßnahmen, die helfen, das Problem zu lindern. Ich spreche von lindern, denn lösen wird es keiner.

 

Welche Maßnahmen könnten das zum Beispiel sein?

 

Michael Zaigler  Wir könnten sehr viel mehr verdichten. Insbesondere in den großen Mietsiedlungen mit altem Baubestand wäre es leicht möglich, die drei- bis viergeschossigen Wohnhäuser noch um ein bis zwei Stockwerke aufzustocken und Innenhöfe zusätzlich – unter Einhaltung der Abstandsflächen städtebaulich sinnvoll – zu bebauen.

Henrik Stratz  Wir müssen dichter bauen, das ist das eine. Wir haben uns zudem die Umwandlung von Bürogebäuden in Wohngebäude auf die Fahne geschrieben. Leider treffen wir da auf viele Widerstände. Viele ältere Bürogebäude verfügen nicht über Tiefgaragen. Oft fehlt das zweite Treppenhaus, das als Fluchtweg vorgeschrieben ist. Also müssen wir Lösungen finden, dass die Feuerwehr von außen an das Gebäude kommt. Da geraten wir häufig mit der Planung für die öffentlichen Grünflächen in den Innenhöfen aneinander.

 

Dieter Reiter  Die Umwandlung von Büros in Wohnungen ist nicht nur wegen der Vorschriften aufwendig. Ein Beispiel: Büroetagen haben für zehn, 15 Räume nur eine Toilette und ein Bad. Damit werden Sie die Bewohner von Wohnungen nicht zufriedenstellen.

 

Henrik Stratz  Wir entkernen solche Häuser natürlich und bauen die Wohnungen mit allen sanitären Einrichtungen neu ein. Aber leider können wir nur etwa jedes zehnte infrage kommende Gebäude umbauen, weil die Regulierungen zu Stellplätzen und Grünflächen so strikt sind.

 

Andreas Eisele  Wir sollten die Komplexität der Immobilienwirtschaft mit ihren vielen Abhängigkeitsverhältnissen – die immobilienwirtschaftliche Seite, die politische, die steuerrechtliche, die juristische, die ästhetischen Fragen, die Fragen von gesellschaftlicher Entwicklung, die sich damit verbinden – auch in der Gänze betrachten. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, bessere Lösungen zu finden.

 

Wäre es eine Lösung, höher zu bauen?

Ralf Büschl  Auf jeden Fall. Sie sehen doch hier im SZ-Hochhaus, wie toll das ist.

               

Dieter Reiter

Das Haus liegt knapp unter der 100-Meter-Grenze, die vor Jahren in einem Bürgerentscheid festgelegt wurde.

 

Ralf Büschl  Ich würde definitiv auch noch höher bauen. Und etwas Allgemeines zum Thema Bürgerbeteiligung: Sie ist demokratisch notwendig und richtig. Aber es beteiligt sich leider immer nur ein kleiner Teil der örtlich betroffenen Bevölkerung. Und das sind fast immer diejenigen, die dagegen sind. Aber nicht alle Bürger sind gegen alle Neubauvorhaben. Am Anfang ist oft Widerstand da. Wenn ein Projekt errichtet wurde, wird es meist von der Bevölkerung auch begrüßt.

 

Ralph Heim  Ich finde auch: Außerhalb des Rings sollte man Hochhäuser zum Wohnen bauen. Aber viele Hochhäuser in München, auch an der Autobahn vor Schwabing, sind quadratisch, praktisch, gut. Sie haben weder Charme noch ansprechende Architektur. In Städten wie Singapur oder Dubai ist jedes Hochhaus ein Unikat. Das ist viel anziehender, auch für Touristen, und gibt der Stadt ein Highlight, macht sie damit interessanter und wertvoller. Gute Architektur muss nicht unbedingt viel teurer sein, erfordert aber Kreativität.

 

Peter Bigelmaier  Ich glaube, dass wir in Hochhäusern den Schlüssel dazu finden, generell mehr Flächen zu schaffen – nicht nur zum Wohnen. Auch Büroflächen sind mittlerweile sehr knapp. In Frankfurt gibt es schon sogenannte Hybrid-Häuser, die alle Nutzungen vereinen. Ich würde auch in München jeden Projektentwickler ermuntern, in diese Richtung zu denken, weil das hoch attraktiv sein kann – Hotel, Handel, Wohnen und Büro. Das reduziert dann auch Verkehr. Aber das Problem ist, dass sich München nach wie vor an dieses Bürgerbegehren gebunden fühlt. Ich vermisse die Diskussion zum Thema Hochhäuser. Es wird öffentlich zu wenig darüber gesprochen, was die Stadt wirklich möchte.

 

Dieter Reiter  Ich habe vor sechs Jahren im Wahlkampf gesagt: Ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch Häuser über 100 Meter bauen. Das hat breites Echo, aber keineswegs breite Zustimmung gefunden. Ich glaube nicht, dass wir in dieser Stadt nennenswert Wohnraum in Häusern über 100 Metern schaffen werden. Ich wäre schon froh, wenn wir ein paar zehn-, zwölf-, vierzehnstöckige Häuser bekämen. Aber ich erlebe, wie sich Bezirksausschüsse und Politiker die Anwohnerschaft geneigt halten wollen, indem sie sagen: Da reichen doch sieben Stockwerke. Es ist also nicht einfach. Es leuchtet aber jedem ein, dass wir höher bauen müssen, wenn wir gleichzeitig Grünflächen erhalten wollen. Und das wollen wir.

 

Dr. Robert Obermeier  Toleranz ist bei all diesen Themen ein wichtiger Punkt. Leider nimmt sie in unserer Gesellschaft ab. Das sehen wir als IHK-Vertreter immer am Thema Wohnen und Gewerbe. Früher ging das miteinander im gleichen Quartier. Keiner hat sich gestört, wenn unten die Handwerker hämmern. Mittlerweile müssen wir wegen der kleinsten Beeinträchtigung Gewerbebetriebe verlagern – da genügt schon eine Lüftungsanlage, die Geräusche erzeugt. Auf diese Weise verbrauchen wir Platz ohne Ende.

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