Verlagsangebot/Anzeige

Mit welchen Herausforderungen Wohnungssuchende in München zu kämpfen haben – und wie Mietervertreter die Situation einschätzen

Ungemütliche Verhältnisse

Nicht nur wer umziehen möchte, muss sich auf langes Suchen und hohe Preise einstellen. Auch Bestandsmietern drohen immer häufiger drastische Erhöhungen. Einblicke in die Realität vieler, die einfach nur in München wohnen möchten

Seit sieben Jahren wohnt Tilman Schaich, 48, in einem Gebäude an der Thalkirchner Straße, das im Volksmund »Künstlerhaus« heißt. 2016 wurde es zum ersten Mal an einen Investor verkauft. »Allen gewerblichen Mietern wurde gekündigt und die Miete für meine Wohnung von 500 auf 575 Euro erhöht«, sagt Schaich. Im März 2017 bekam er ein weiteres Schreiben. Nach Modernisierungsarbeiten, unter anderem dem Einbau neuer Elektroleitungen und eines Aufzugs, soll er in Zukunft statt 575 Euro etwa 1400 Euro kalt bezahlen – mehr als doppelt so viel.

   

Tilman Schaich ist einer von Tausenden Münchnern, die derzeit nicht wissen, ob sie sich ihre Miete bald noch leisten können. Nicht nur wer in München umziehen möchte, muss sich auf eine lange Suche und hohe Preise einstellen, auch wer schon eine Wohnung hat, ist nicht sicher vor Mieterhöhungen. Normalverdiener und Familien können sich kaum mehr die Mieten leisten, die derzeit in der Stadt und teilweise auch im Umland aufgerufen werden.

 

In Deutschland führt München die Rangliste der Städte mit den höchsten Mieten an. Im Dezember 2017 kostete eine Bestandswohnung in München durchschnittlich 16 Euro Miete pro Quadratmeter – 3,2 Prozent mehr als noch ein halbes Jahr zuvor. Von 2005 bis 2017 sind die Mieten um 50 Prozent gestiegen. In der Altstadt, im Lehel, im westlichen Bogenhausen, Altschwabing und der östlichen Maxvorstadt sind sie am höchsten, doch auch abgelegene Viertel werden teurer.

 

Beatrix Zurek, Vorsitzende des Mietervereins München, beobachtet, dass besonders die Zahl der Mieterhöhungen durch Modernisierungen rapide zunimmt. Die Modernisierungsumlage erlaubt dem Vermieter gesetzlich, dauerhaft elf Prozent der Erneuerungskosten auf die Miete umzulegen und sie damit mitunter zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Tausende Münchner betreut der Mieterverein derzeit wegen Modernisierungsankündigungen, allein von Januar bis Oktober 2017 seien Zurek zufolge mehr als 600 neue Mieter dazugekommen. Dem Mieterverein sind Fälle bekannt, bei denen die Erhöhung mehr als 1500 Euro monatlich beträgt. »Häuser werden gern komplett an Investoren verkauft, die allen Parteien gleichzeitig entsprechende Erhöhungen mitteilen«, sagt Zurek. Oft reicht eine Modernisierungsankündigung schon als Abschreckung, um Mieter zu vertreiben – leere Wohnungen lassen sich schneller und teurer verkaufen. »Eine grenzenlose Umlagemöglichkeit ist absurd«, sagt Beatrix Zurek. »Der Modernisierungsparagraf wird eigentlich zu einem Entmietungsparagrafen.« Die Regierungsparteien haben im Zuge der Koalitionsverhandlungen im Februar immerhin verkündet, die Umlage auf acht Prozent zu senken. Beatrix Zurek reicht das nicht. Sie fordert, dass sie komplett gestrichen wird.

Im Künstlerhaus steht das Vordergebäude derweil seit April leer, weil die Künstler ihre Ateliers und Studios räumen mussten. »Im Rückgebäude sind wir noch neun Mietparteien«, sagt Tilman Schaich. »Drei sind ausgezogen.«

 

Auch die Überprüfungen von Mieterhöhungen und Eigenbedarfskündigungen beim Mieterverein nehmen in den letzten Jahren zu. Gemäß der Mietpreisbremse, die seit August 2015 gilt, dürfen Wiedervermietungen den Wert aus dem Mietspiegel höchstens um zehn Prozent überschreiten. »Der Mieter bekommt aber nur dann Geld zurück, wenn er selber rügt«, sagt Zurek, die eine Nachschärfung des Gesetzes fordert. Viele würden sich nicht trauen, gegen ihre Vermieter vorzugehen. Um ihre Mieten zu halten, würden die Münchner außerdem immer seltener die Wohnung wechseln. »Auch vierköpfige Familien leben deshalb häufig noch in einer Zwei- oder Dreizimmerwohnung«, sagt sie. München ist gefragt, der Zuzug seit Jahren massiv. »Der Mietwohnungsbau, gerade im bezahlbaren Segment, findet nicht so statt, wie wir uns das wünschen würden«, resümiert Zurek.

 

Das Problem sieht auch Klaus-Michael Dengler, Geschäftsführer des Städtischen Wohnungsbauunternehmens Gewofag, das mit mehr als 35 000 Wohnungen Münchens größter Vermieter ist. »Unser Ziel ist, dass wir bis 2027 knapp 8000 neue Wohnungen fertig stellen, die bezahlbar sind«, sagt er. »Unsere Mieter sind Menschen mit kleinem und mittlerem Geldbeutel.« Derzeit seien die Wartelisten, die im Amt für Wohnen und Migration geführt werden, jedoch sehr lang. »Auch mit unserem umfangreichen Neubauprogramm können wir den großen Bedarf nicht decken.«

 

Die ohnehin aufwendige Wohnungssuche hat in den vergangenen Jahren dramatische Ausmaße angenommen. Der Fotograf und Grafikdesigner Sebastian Krawczyk, 34, lebt seit sieben Jahren in seiner Wohnung am Isartor. Im Herbst 2016 bekam er die Kündigung wegen Eigenbedarfs, sechs Monate hatte er Zeit auszuziehen. Seitdem war er zweimal vor Gericht. Nachdem seine Vermieterin mit einer Räumungsklage gedroht hatte, einigte er sich mit ihr darauf, dass er bis Ende Oktober seine Wohnung räumt. Nun ist er mit seinem Freund auf Wohnungssuche. Auf 30 Anschreiben haben sie drei Einladungen bekommen. »Man ist heute nicht mehr Interessent, sondern Bewerber«, sagt er. Einmal stand er für eine Besichtigung mit 70 anderen in einem Treppenhaus. Krawczyk kritisiert das Auswahlverfahren der Vermieter: »Festanstellung, keine befristeten Arbeitsverträge, keine WG, kein Hund«, sagt er. Krawczyk und sein Freund sind selbstständig und haben einen Vierbeiner. Bei einer Wohnung für 1500 Euro Kaltmiete lasen sie als Bedingung: »solvente Nachmieter mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von 7000 Euro netto«. Im doppelten Sinne harte Fakten, die kaum jemand erfüllen kann. »Wir wollen einfach nur weiter in dieser Stadt leben«, sagt Krawczyk.

 

Anzeichen für eine Marktberuhigung sehen Experten nicht. »Allein der anhaltende Zuzug wird dazu führen, dass der Druck die nächsten zehn Jahre nicht nachlassen wird«, sagt Klaus-Michael Dengler von der Gewofag.

 

Auch Tilman Schaich lebt weiter im Ungewissen. Im November 2017 wurde das Gebäude erneut verkauft, zur gleichen Zeit sei wegen Verstößen gegen den Denkmalschutz ein Baustopp verhängt worden, die Eigentümer sollen einen neuen Bauplan vorlegen. »Wir haben keine Ahnung, was wie und wann weitergehen soll«, sagt Schaich. »Wenn ich wirklich mehr als das Doppelte bezahlen muss, weiß ich nicht, ob ich mir das leisten kann und möchte.«

von Greta Sieber

Anzeige

Anzeige