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Wie ein verändertes Mobilitätsverhalten auch die Wohnsituation entspannen könnte

Mehr Wohnungen – und noch mehr Verkehr?

Neben der Wohnungsknappheit leidet die Stadt auch unter immer mehr Verkehr. Hängt das zusammen?

 

Jürgen Schorn  Die Wohnungsnot hat dazu geführt, dass mehr Menschen auf den Straßen unterwegs sind als je zuvor. Immer mehr ziehen raus und nutzen ihre Autos. Allerdings haben wir bei unseren Planungen auch ein Umdenken festgestellt: Das Bedürfnis an Pkw-Raum nimmt für die junge Generation keinen so großen Stellenwert mehr ein. Für sie sind Carsharing-Angebote attraktiv. 

 

Die Münchner Stellplatzverordnung sieht in der Regel pro Wohneinheit einen Stellplatz vor. Hamburg und Berlin haben das längst abgeschafft. Warum nicht München?

 

Dieter Reiter  Wir haben sie ja schon auf 0,2 bis 1,0 flexibilisiert – nicht eben zur Freude unseres Koalitionspartners im Rathaus. Nicht jede Familie hat überhaupt ein Auto. Ich denke auch, dass wir den Stellplatzschlüssel noch weiter absenken könnten. Zum einen, weil das einer der wesentlichen Kostentreiber ist, und zum anderen, weil es auch das falsche Signal ist für die Zukunft. Es gibt andere Mobilitätsformen, die wir nicht nur aus Platz-, sondern auch aus ökologischen Gründen forcieren wollen. Aber das ist in der derzeitigen politischen Konstellation nicht einfach umzusetzen. Ich bin überzeugt, dass wir Carsharing bald viel intensiver als Alternative sehen müssen – und natürlich auch das Fahrrad.

 

Sie nicken, Herr Büschl?

 

Ralf Büschl  Wir stoßen in jedem Bebauungsplan auf ein wichtiges Problem: nämlich den Verkehr. Deswegen beschäftigen wir uns verstärkt mit Mobilitätskonzepten, um Stellplätze einzusparen. In den Umlandgemeinden ist es zum Teil noch schwieriger. Diese verlangen teilweise zwei oder zweieinhalb Stellplätze pro Wohnung.

 

Natalie Schaller, Stefan Hilscher, Dr. Hermann Brandstetter und Jürgen Schorn (v.li.)

Brauchen das Ihre Kunden denn nicht?

 

Ralf Büschl  Wir erleben, dass die Kunden nicht mehr so viele Stellplätze brauchen, und werden bei Innenstadtprojekten neue innovative Konzepte angehen. Zum Beispiel wollen wir im Hinblick auf die Mobilitätskonzepte Carsharing- und Parkplatzmanagementsysteme anbieten, um so Tiefgaragenplätze einsparen zu können.

 

Ina Laux  Wenn sich der Käufer eines Apartments klarmacht, dass ihn der Stellplatz zusätzlich 1000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche kostet, dann wird die Akzeptanz für Carsharing wachsen. Optimistisch betrachtet sind die Stellplätze von heute die Flächenreserven von morgen, deren Nachnutzungskonzepte wir also gleich mitdenken müssen. Die Wohnungsfrage ist aber nicht nur eine quantitative, sondern vor allem eine Frage der Qualität!

 

Prof. Dr. Stephan Kippes  Wie viele Stellplätze benötigt werden, ist ein Top-Thema. Über den Stellplatzschlüssel lässt sich viel machen. Und wir müssen uns tatsächlich überlegen, wie Parkhäuser umgewidmet werden, wenn Autos in Zukunft weniger nachgefragt sind, weil nicht jeder mehr sein persönliches Auto braucht.

 

Nina Bovensiepen und Christian Mayer

Herr Reiter, was machen wir später mit den Tiefgaragen?

 

Dieter Reiter  Ich kann mir vorstellen, dass daraus Abstellmöglichkeiten zum Beispiel für mittlerweile sehr teure Fahrräder werden. In einem Modellprojekt der WOGENO kann man sich vom Fahrrad, das dann vernünftig in der Tiefgarage untergestellt ist, über Lastenräder, Elektroroller, und E-Fahrzeuge verschiedene Fahrzeuge mieten. Diese müssen auch irgendwo stehen.

 

Ralf Büschl  Bei Hochhäusern könnten die ersten Obergeschosse als Garage dienen, und zwar nur so lange, wie dies erforderlich ist. Die spätere Umwandlung in Wohnraum oder Büros sollte von Anfang an mit bedacht werden.

 

Herr Heim, sind Sie auch für weniger Pflicht-Parkplätze?

 

Ralph Heim  Änderungen sind hier sicherlich vernünftig. Aber sie sollten sich nach dem Standort richten. Wenn ich eine Villenwohnung in Bogenhausen mit 250 Quadratmetern betrachte, dann gibt es dort andere Ansprüche als im Studentenviertel, wo viele schon Carsharing bevorzugen.

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