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Trotz oder gerade wegen des starken Wachstums sind viele Rahmenbedingungen für das Arbeiten in München höchst problematisch

Die Grenzen des Job-Wunders

Illustration: Jochen Schievink

Matthias Müller* (Name von der Redaktion geändert) sucht einen Nachmieter. Einen, der ihn in seiner bisherigen WG ersetzt. Müller zieht aus, weil er München verlässt. Drei Jahre hat der 26 Jahre alte Polizeibeamte hier gearbeitet. Jetzt geht er zurück in seine fränkische Heimat. Dorthin, wo seine Familie ist, und vor allem dorthin, wo er von seiner Arbeit weit besser leben kann als in der Landeshauptstadt.

»Das ist der typische Fall«, sagt Jürgen Ascherl. Der Hauptkommissar ist Personalratsvorsitzender der Münchner Polizei und Bezirksvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. In dieser Funktion kämpft er seit Jahren für einen Ortszuschlag, der die hohen Lebenshaltungskosten in einer Stadt wie München einigermaßen auffängt. Bislang erhalten bayerische Polizisten in Großstädten lediglich eine Ballungsraumzulage von rund 77 Euro aufs Grundgehalt. Das wiederum liegt bei jungen Beamten in der Besoldungsstufe A6 bei mageren 2236 Euro brutto. Netto bleiben dann 1500 bis 1700 Euro im Monat. Vielen reicht das nicht zum Wohnen und Leben in der teuersten Stadt Deutschlands: Ascherl schätzt, dass mindestens jeder vierte junge Polizist in München einen Nebenjob ausübt. Wie das ist, wenn man neben der Uniform hin und wieder noch eine andere Dienstkleidung überstreift, weiß er aus eigener Erfahrung: Als sein zweites Kind geboren wurde, nahm der damals 24-Jährige einen Nebenjob an. Zehn Jahre lang fuhr er an schichtfreien Tagen Autoteile aus. So lange halten es heute wenige junge Kollegen überhaupt in München aus. »Die allermeisten Polizisten verlassen die Stadt nach zwei bis drei Jahren wieder, weil es ihnen hier schlicht zu teuer ist«, beschreibt Ascherl ein Dilemma, das viele Nachteile mit sich bringt: Zum einen fehle es der Münchner Polizei an Personal, zum anderen schwinde die Erfahrung, wenn alle drei Jahre komplette Schichten durchgetauscht werden: »In vielen Dienststellen liegt der Altersdurchschnitt heute bei 23 bis 24 Jahren«, sagt Ascherl. 

Gehälter: Zu oft zu wenig zum Leben

Polizisten sind längst nicht die einzige Berufsgruppe, die in München zwar dringend benötigt wird, sich das Leben hier aber kaum leisten kann. Zwar verdient der durchschnittliche Angestellte, vor allem bei den großen Unternehmen, in der Landeshauptstadt deutlich mehr, als im übrigen Bayern gezahlt wird (siehe Grafik). Doch kurbeln die vielen guten Gehälter kräftig die Preisspirale an, die vor allem die Wohnungsmieten und Häuserpreise in München zu den teuersten des Landes macht. »Unternehmen sind daher gefordert, die hohen Lebenshaltungskosten bei den Löhnen und Gehältern zu berücksichtigen«, mahnt folgerichtig die Landeshauptstadt München auf ihrer Informations-Webseite zu Lohn- und Gehaltskosten. Wer freilich Arbeitgeber hat, die sich nicht an diese Empfehlung halten, wie etwa Beamte im mittleren Dienst oder Dienstleister wie Friseure, Kellner und Pflegekräfte, tut sich schwer, in der Landeshauptstadt ein angenehmes Leben zu führen.

 

Angesichts dieser Situation erscheint zumindest für München auch ein Konzept schwer vorstellbar, das derzeit häufig als Basis für ein anderes Leben oder Mittel gegen mögliche Jobverluste im Zuge der Digitalisierung diskutiert wird: das bedingungslose Grundeinkommen. Dieses Bürgergeld ohne Arbeitsleistung liegt in den üblichen Modellen bei etwa 1000 Euro – und damit weit unter dem, wovon man in der Landeshauptstadt leben kann.

 

Mehr schlecht als recht von ihrem Einkommen leben konnten lange auch Erzieher. Um ihnen das Arbeiten in München schmackhafter zu machen, beschloss die Stadt Ende 2014 immerhin eine monatliche Zulage in Höhe von 200 Euro für alle Erzieher in den städtischen Betreuungseinrichtungen. Komplett behoben wurde der Personalmangel an den Kitas dadurch freilich nicht. Im Herbst 2016 waren allein in den 400 städtischen Einrichtungen 200 Stellen unbesetzt, heuer suchte die Stadt erstmals sogar auf einer Jobmesse der Bundeswehr nach Bewerbern. Auch wenn die Stadt bis 2019 fast 300 Millionen Euro in den Bau von Kinderkrippen, Kindergärten, Horten und Tagesheimen investieren will – ohne ausreichend Personal wird der Versorgungsgrad der Kinderbetreuung unbefriedigend bleiben. Nach den derzeit vorliegenden Zahlen reichen die Plätze in München nur für 64 Prozent der ein- bis dreijährigen Kinder. In manchen Stadtbezirken liegen die Quoten sogar deutlich unter 50 Prozent, sodass viele Eltern gezwungen sind, auf weiter entfernte Kitas auszuweichen. Immer wieder müssen Einrichtungen aufgrund des Personalmangels ihre Öffnungszeiten reduzieren.

 

Betreuung: Schlechte Zeiten für arbeitende Eltern

Indirekt belastet diese Situation den gesamten Münchner Arbeitsmarkt. Damit im gewünschten Umfang arbeiten können, sind sie auf Angebote angewiesen, die mit dem Berufsalltag kompatibel sind. Und solche sind in der Landeshauptstadt immer noch Mangelware: Unter den mehr als 1000 im Kita-Finder auf www.muenchen.de aufgeführten städtischen und privaten Einrichtungen haben weniger als zehn Prozent bis 18 Uhr geöffnet. Ganze sieben Kitas der Millionenstadt schließen laut dieser Datenbank erst um 19 Uhr die Pforten. Da wird es schnell zur reinen Glückssache, ob man ein Betreuungsangebot findet, das erstens in Wohnortnähe liegt, zweitens passende Öffnungszeiten bietet und drittens für die jeweiligen Eltern bezahlbar ist – in privaten Einrichtungen werden oftmals mehr als 1000 Euro im Monat fällig. Zwar haben Eltern inzwischen einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, der sich im öffentlichen Gebührenrahmen bewegt. Doch gilt dabei nach einem Münchner Verwaltungsgerichtsurteil eine 30-minütige Fahrzeit von zu Hause aus als zumutbar – und weitere 30 Minuten zum Arbeitsplatz.

»Die meisten Polizisten verlassen die Stadt
nach zwei bis drei Jahren wieder«

Neben vielen Eltern ist auch die Mehrheit der deutschen Unternehmen mit der Kinderbetreuung unzufrieden. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK von 2014 sehen sechs von zehn Firmen ihre Mitarbeiter und damit die betrieblichen Abläufe durch unzureichende Betreuungsangebote eingeschränkt. 90 Prozent fordern längere Öffnungszeiten für Kitas und Kindergärten. Mit Blick auf München sieht der Wirtschaftsverband weiterhin großen Handlungsbedarf. Laut Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, verschlechtere sich die Kita-Situation nach einigen Jahren der Besserung derzeit eher wieder. »Dazu kommt der Mangel an Angeboten für Ganztagsbetreuung in den Schulen«, ergänzt Driessen und warnt: »Unterm Strich wird so der Fachkräftemangel für die Unternehmen weiter verschärft.«

 

Flächenverteilung: Wo wohnen, wo arbeiten?

Defizite bei der Kinderbetreuung und der Fachkräftemangel sind nicht die einzigen Sorgen, die die hiesige Wirtschaft umtreiben. Wie sollen Unternehmen dringend benötigte Mitarbeiter in eine Stadt locken, die kaum mehr Wohnflächen bietet – schon gar keine, die für Gering- oder Normalverdiener bezahlbar sind? In München lag die Leerstandsquote, also der Anteil der verfügbaren Wohnungen, im Jahr 2015 bei gerade einmal 0,2 Prozent. Einige Arbeitgeber setzen deshalb darauf, selbst Wohnraum für die eigenen Mitarbeiter zu schaffen. Mit überzeugend niedrigen Mieten können freilich auch sie nicht locken: Jede Abweichung gegenüber den Vergleichsmieten der Umgebung müsste der jeweilige Arbeitnehmer als geldwerten Vorteil versteuern.

 

Zunehmend gesellt sich zur Frage, wo die wachsende Bevölkerung wohnen kann, auch jene, wo die Menschen arbeiten sollen. Der Zentrale Immobilienausschuss, ein Interessenverband der deutschen Immobilienwirtschaft, warnt vor einer Verknappung der Büroflächen in sieben Städten der Bundesrepublik, darunter auch in München. Auch die Verantwortlichen der Stadt haben dieses Problem erkannt: Das Referat für Wirtschaft und Arbeit geht davon aus, dass München bis 2020 rund 110 Hektar neue Gewerbeflächen braucht – 90 Prozent davon für Unternehmen, die vergrößern oder innerhalb des Ortes umziehen wollen. Die Erwerbstätigenprognose konstatiert sogar einen Flächenbedarf von bis zu 166 Hektar. Dennoch sieht das neue Gewerbeflächenprogramm der Landeshauptstadt, das Bürgermeister Josef Schmid, zugleich Leiter des Referats für Arbeit und Wirtschaft, im April vorlegte, nur 35 Hektar zusätzliche Gewerbegebiete vor. Kein Wunder also, dass die Wirtschaftsverbände hier protestieren: »Das ist ein guter Anfang, faktisch wird dies jedoch nur den Bedarf der nächsten drei Jahre decken«, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Driessen und fordert, die zuletzt häufig praktizierte Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnbauland zukünftig zu vermeiden. Bürgermeister Schmid hingegen verweist gerade auf die Wohnflächenknappheit, die noch drängender sei als die an Gewerbeflächen: »Wir gehen realistisch vor«, verteidigte er bei einer Diskussion im April sein Programm.

»Wir brauchen neue Strecken
bei der U- und Trambahn«

Dem Politiker und Referatsleiter ist das Problem näher, als man meinen könnte: Nicht nur manche Unternehmen, sondern auch große Teile der Stadtverwaltung haben nämlich in München zu wenig Platz zum Arbeiten. Insgesamt sind mehr als 30 000 Menschen bei den verschiedenen Ämtern beschäftigt. 2016 hat der Stadtrat knapp 2200 neue Stellen bewilligt, dieses Jahr knapp 500. Besonders prekär ist die Raumsituation beim Kommunalreferat – und damit ausgerechnet bei jener Behörde, die für die Immobilien der Stadt München zuständig ist. Weil es aus allen Nähten platzt, hat das Kommunalreferat bereits 230 Arbeitsplätze in das Hochhaus des Planungsreferats an der Blumenstraße ausgelagert. Diese Behörde braucht den Platz jedoch selbst – für gut 200 eigene neue Arbeitsplätze. Das Kommunalreferat wiederum hat zuletzt ebenfalls 200 zusätzliche Arbeitsplätze bewilligt bekommen. Linderung sollen nun neue, angemietete Räumlichkeiten schaffen – die aber auch nicht für das komplette Personal reichen werden. Laut Kommunalreferent Axel Markwardt ist die Raumsituation nicht nur in seinem Haus angespannt, sondern in der gesamten Stadtverwaltung: »Das verwundert nicht, schließlich muss die Verwaltung personell mit unserer rapide wachsenden Stadt Schritt halten«, erklärte er jüngst gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Infrastruktur: Stress auf dem Arbeitsweg

Ähnliche Auswirkungen hat das Wachstum der Stadt und ihres Arbeitsmarktes auf die Verkehrsinfrastruktur. München ist Deutschlands Pendlerzentrum: Schon heute stehen die Menschen hier während der Stoßzeiten länger im Stau als in jeder anderen Stadt der Republik. Auch der öffentliche Personennahverkehr gilt als chronisch überlastet; vor allem die S-Bahn kollabiert regelmäßig. Es genügt eine Weichenstörung, ein Notarzteinsatz oder einfach nur eine Jacke auf einem Zugdach, um die Stammstrecke für Stunden zu blockieren und Zehntausende Pendler zu spät – und schlecht gelaunt – zur Arbeit kommen zu lassen. Besserung ist frühestens 2026 in Sicht, wenn die zweite Stammstrecke wie geplant fertig wird. Viel früher ist auch auf den übrigen ÖPNV-Hauptschlagadern nicht mit Entlastung zu rechnen. »Wir brauchen neue Strecken bei der U- und Tram-Bahn und schnellere Buslinien«, konstatierte MVG-Chef Ingo Wortmann im Frühjahr beim Runden Tisch der SZ zum Thema Mobilität. Vor allem beim U-Bahn-Netz, das mindestens um eine U9 durch die Innenstadt erweitert werden soll, sei dabei viel Geduld nötig: »Ich gehe davon aus, dass wir Ende der 2020er, Anfang der 2030er nennenswerte U-Bahn-Neubaustrecken haben werden«, sagte Wortmann.

Wie konsequent werden er und andere Verantwortliche ihre Pläne zum Ausbau der Infrastruktur umsetzen können? Wie gut wird es der Stadt und dem Umland gelingen, neue Flächen zum Wohnen und Arbeiten zu schaffen? Wie arbeitnehmerfreundlich wird zukünftig die Kinderbetreuung organisiert? Und wie angemessen an die Lebenshaltung werden vermeintlich einfache, aber für die Gesellschaft essenzielle Jobs bezahlt werden? Von den Antworten hängt es ab, ob München seinem globalen Ruf als höchst lebenswerte und zukunftsfähige Stadt auch in Zukunft gerecht werden kann. Dabei liegt ein entscheidender Teil des Dilemmas darin, dass die Attraktivität der Metropole und ihres Arbeitsmarktes eine Art von Wachstum anregt, die sie für Menschen wie den Polizisten Matthias Müller immer unattraktiver macht. 

Christoph Henn

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